Interview mit dem Architekten Bernd Driessen

ValentynArchitekten Bernd Driessen

Architekteninterview. Derzeit entsteht am Wasserturm in Berlin-Prenzlauer Berg ein Projekt der econcept: „Neue Häuser. Am Wasserturm“. Wir stellen Fragen an den Architekten.

1) Welchen Anspruch haben Sie für sich an das Projekt zu Beginn gestellt und was meinen Sie hat die Bauherren im Wettbewerb daran überzeugt?

Wir wollten im Sinne der Bauaufgabe ein bemerkenswertes, aber nicht überzogen spektakuläres Projekt entwickeln. Die städtebaulichen Randbedingungen wie das Schließen des Blockrandes und die Berücksichtigung der bestehenden Gartengebäude waren bereits gesetzt. Unser Schwerpunkt lag in der Entwicklung von Wohnungen, die einen intensiven Bezug zur Umgebung haben – also den großen grünen Gartenhöfen und dem schönen Straßenraum der Straßburger Straße. Und Wertigkeit in der Betrachtung und in der Benutzung beweisen. Aus diesem Gedanken resultieren die architektonischen Elemente wie z.B. die Plastizität der Fassaden durch Erker und Loggien, die niedrigen Brüstungen, die deshalb eingefügten horizontalen Geländer, die Fensterformate und Materialien. Da wir die Neubauten im direkten Zusammenspiel mit den bestehenden Gebäuden entwickelten, war uns eine gewisse Zurückhaltung in der architektonischen Außenwirkung wichtig. Ich denke, dass sich der im Wettbewerb vorgeschlagene Entwurf beim gedanklichen Durchwandern der Häuser und der Außenräume selbst erklärt und dies die Bauherren überzeugt hat. Außerdem waren wir im Zusammenspiel mit kwp Architekten, Herrn Köhler, bei den Scheier & Herz-Höfen [Wohnbauprojekt in Berlin Prenzlauer Berg, Anm. d. Red.]ein sehr gutes Team, mit dem die Umsetzung der gemeinsam entwickelten Planung außergewöhnlich reibungslos funktionierte. Dieser Aspekt spielt für uns eine große Rolle und ist für das Gelingen eines so anspruchsvollen Projektes am Ende von entscheidender Bedeutung. Dies hat die Bauherren sicherlich ebenfalls überzeugt.

2) Was ist die architektonische Grundidee der Architektur der Neuen Häuser? Gibt es ein gestalterisches Leitthema, Zitate oder eine zentrale Inspirationsquelle, welche die Architektur maßgeblich mitbestimmen?

Die Inspiration war das städtebauliche Umfeld. Hier haben wir im Sinne einer homogenen Einfügung der Neubauten in den Gründerzeitblock Themen der umgebenden Altbauten wie die Gliederung in einzeln ablesbare Baukörper aufgegriffen. Oder Aspekte wie die hohen Formate der Fenster und Gliederungselemente wie z.B. Gesimse. Die bei Altbauten zusätzlich zu findenden dekorativen Elemente finden ihre Umsetzung in der Materialauswahl und deren handwerklicher Bearbeitung. Die Materialauswahl spielt eine große Rolle: Wir planen die Verwendung von zwar vordergründig nicht sehr wertigen Materialien wie Beton und Putz oder Betonwerkstein für Böden, diese werden jedoch handwerklich bearbeitet und kombiniert mit der hochwertigen Materialauswahl wie z.B. dem speziellen Klinkerstein – dieser findet sich bei einer Reihe von historischen Gebäuden in der näheren Umgebung. Auch das Spiel von Licht und Schatten auf und in dem Gebäude sind wichtige Gestaltungelemente.

3) Welche Rolle hat der Bestand in der Konzeption des Neubaus gespielt?

Die Bestandsgebäude hatten sicherlich einen erheblichen Einfluss auf die Grundrissgestaltung. Besonders die Anordnung der Außenbereiche wie Balkone und Loggien sind mit Blick auf die Vermeidung einer gegenseitigen Störung konzipiert. Es ging uns um das Erhalten und Aufwerten des Bestands. Und wir wollten die gewisse Strenge der 60er Jahre-Bauten auflockern. Ein besonderer Fokus liegt auch auf den neu gestalteten Höfen – hier haben wir wirklich lebens- und liebenswerten Raum geschaffen, der eng mit dem Bestand verbunden ist.

4) Welche Eigenschaften waren Ihnen im Wettbewerbsentwurf besonders wichtig zu vermitteln?

Es ging uns um den intelligenten Bezug der Wohnungen zum Außenraum und die daraus resultierende Außenwirkung der Häuser. Die hohe Wertigkeit in der Materialwahl und in der Detailgestaltung ist das andere zentrale Thema für den Entwurf. Es soll Freude machen, mit dem Material in Kontakt zu treten. Und auch es zu berühren. Das Material verweist dabei auf seinen Herstellungsprozess – und wird dadurch authentisch wie der Entwurf als Ganzes. Auch der spezielle Klinkerstein spielt hier eine Rolle. Mit den Gliederungselementen der Fassade, den bearbeiteten Beton-Werksteinen haben wir eine zusätzliche handwerkliche Qualität geschaffen, die uns ebenfalls wichtig war.

5) Die optische Anmutung ist – zumindest im ersten Eindruck – im besten Sinne klassisch. Wie modern sind die Neuen Häuser?

Die Anmutung der Häuser empfinde ich als im besten Sinne modern oder urban, nicht klassisch. Das zeigt sich gut am Beispiel der Fenster: Die Verwendung von zweiflügeligen, hochformatigen Fenstern begründet sich in der eleganten Erscheinung solcher Fenster und in ihrer Handhabung – es ist eine angenehme Bewegung, ein zweiflügeliges Fenster zu zwei Seiten hin zu öffnen. Und für den Raum angenehmer, wenn zwei schmale statt einem breiten Flügel geöffnet im Raum stehen. Generell ging es uns nicht um klassische Verweise, sondern um eine zeitgemäße Formensprache, die sich über die Umgebung legitimiert. Und dadurch etwas Notwendiges, Stimmiges bekommt.