Neue Häuser. Am Wasserturm – Die Gartenhöfe entstehen

Ein Garten wächst mit seinen Bewohnern. Eine gute Gestaltung zählt nicht nur im Augenblick, sondern schafft ein stabiles Gerüst, das viele Lebenszyklen mitmacht. Nur dann werden alle über Jahre hinweg ihre Freude an dem Garten haben.“

Stephan Buddatsch, Landschaftsarchitekt

 

Neue Gartenhöfe.

 

Die beiden Gartenhöfe der Neuen Häuser wurden von TOPOS gestaltet. Stephan Buddatsch und sein Team setzen dabei auf organisch fließende Formen und Übergänge

Der Auftrag an das Landschaftsarchitekturbüro TOPOS war klar formuliert: Die Gartenhöfe sollten aussehen, als wären sie schon immer so gewesen. So lautete der Wunsch der Projektentwickler der Neuen Häuser. Wie immer bei Dingen, die eigentlich einfach klingen, steckt der Teufel im Detail: Denn keineswegs gab es „schon immer“ die Neuen Häuser, eine zweistöckige Tiefgarage oder Brandschutzvorschriften, bei denen jeder Zentimeter Weg im Ernstfall entscheidend ist. Stephan Buddatsch machte sich an die Arbeit und schuf ein Konzept, das die Natürlichkeit der großzügigen Freiflächen in den Vordergrund stellt – und dabei die technischen Gegebenheiten geschickt nutzt.

Die Feuerwehr hat eindeutig die besseren Argumente: Die Wege müssen breit und kerzengerade sein – wenn es brennt, hat sie keine Zeit für Kurven! Nun, da scheint Widerstand zwecklos. Aber nicht für Stephan Buddatsch. Der Landschaftsarchitekt der Neuen Häuser wollte gerne geschwungene Wege in den beiden großzügigen Gartenhöfen anlegen – als „Wechselspiel zu der geometrischen Architektur der Bebauung“, wie er sagt. In der Natur fänden sich schließlich auch selten rechte Winkel, dafür „schon immer“ Ursprünglichkeit und organische Formen.

Schließlich fand der Landschaftsarchitekt eine Lösung für das Paradoxon, wie sich kerzengerade und geschwungen nicht ausschließen müssen: Die Hauptwege, die zu allen Hauseingängen führen, werden so breit und direkt, wie es die Feuerwehr vorschreibt – die unterschiedlichen Pflasterungen aber aus Betonplatten in der Mitte und kleinen Pflastersteinen an den Außenrändern ergeben ein Muster, das eine leichte Kurvenbewegung suggeriert.

So passen die Wege mit den geraden Kurven nun zum Gesamtkonzept, das Stephan Buddatsch für die Neuen Häuser entwickelte. Die organische Gartengestaltung mit ihren amorphen Formen soll einen Kontrast zu den Häusern bilden. Oder besser: eine Ergänzung. Natürliches Gelände gegen geometrische Verbauung. Das Problem der Hauptwege war also schon mal gelöst. Doch auch die zweistöckige Tiefgarage, die sich unter beiden der jeweils 1.800 Quadratmeter großen Gartenhöfe befindet, stellte die Gartenarchitektur vor gewisse Herausforderungen: Bestimmte Traglasten sind genauso zu beachten wie die Aufgänge und streng vorgeschriebene Entlüftungsanlagen. Stephan Buddatsch hatte auch hier Lösungen parat: Die Entlüftungen, bei deren Platzierungen es durchaus einigen Spielraum gab, wurden zu ansehnlichen Oberlichtkonstruktionen mit einer Sitzauflage aus Holz – sprich: Bänke. Diese erhielten die Form kleiner Schiffchen und fügen sich somit wunderbar in die Landschaft der Gartenhöfe ein. Denn dort gibt es auch sanfte Hügel, Inseln aus Gräsern, die sich im Wind wiegen, sowie Parkwege, die, so Buddatsch, „wie kleine Bäche mäandern“. Bei den unbefestigten Parkwegen, die nicht der Feuerwehr, sondern den Bewohnern der Neuen Häuser vorenthalten sind, durfte der Landschaftsarchitekt dann endlich seinen nicht ganz so geradlinigen Ideen freien Lauf lassen.

Somit steht einer kleinen Entdeckungsreise in dem vielfältigen Areal nichts im Wege. In dem rundum dicht bebauten Altbaukiez bieten die zusammen zirka 3.600 Quadratmeter großen Grünflächen den Bewohnern der Neuen Häuser ungewöhnlich viel Licht, Luft und Natur. Teilen müssen sie die beiden Höfe lediglich mit den Amseln, Meisen, Spatzen und sonstigen Stadttieren, die sich über derart großzügige grüne Inseln in der Stadt genauso freuen wie die Menschen. Bei einem Spaziergang über die Kieswege, die den Gartenhof erschließen, bieten sich von jeder Stelle andere Blickwinkel – verschiedene Sichtachsen geben immer neue Perspektiven frei: Licht und Schatten, Sonne und angenehme Kühle wechseln sich dabei ebenso ab wie Bäume, Stauden, Blüten oder Gräser. Die Bepflanzung setzt Akzente, die Jahreszeiten erledigen den Rest: Eine zeitlich verschobene Blütenabfolge von Hortensien, Rhododendron & Co. lässt prächtige Farbenspiele zu. Mitmischen werden da auf jeden Fall auch der Rot-Ahorn oder die Zierkirschen, die wunderschön rosa blühen. Gemeinsam mit den Felsenbirnen bilden sie einen grazilen Rahmen für die richtig großen Ahornbäume in der Mitte beider Gartenhöfe, deren Baumkronen zusammenwachsen dürfen. „Man bewegt sich wie durch eine Landschaft“, schildert Buddatsch seine Intention der Innenhofgestaltung. Wichtig war ihm dabei, dem Gelände eine Modellierung zu geben und „nicht alles nur eben zu lassen“. Die sanften Hügel, bis zu 75 Zentimeter hoch, haben aber nicht nur eine ästhetische Funktion: Dank ihrer Bepflanzung können sie bis zu 1,30 Meter hoch werden und bilden somit einen natürlichen Sichtschutz. Denn: Alle wollen Privatsphäre – diejenigen, die im Erdgeschoss wohnen, und diejenigen, die den Gartenhof nutzen.

Nutzen“ klingt allerdings etwas nüchtern, so nach Fahrradabstellen – aber auch das kann man natürlich in den Außenanlagen der Neuen Häuser. Das ist wichtig für Berlin. Und für die Fahrräder. Wichtiger für die Menschen, die hier leben, ist aber der Gegenentwurf zum Trubel der Stadt und dem urbanen Leben: Kein Lärm, kein Straßenverkehr, keine Fremden. Kinder möchten spielen, Nachbarn sich begegnen und so mancher einfach ein Buch lesen, seine Ruhe haben und Entspannung finden. „Die Zonierung gibt keine Bereiche vor, die auf eine besondere Nutzung abzielen – sie gehen vielmehr fließend ineinander über“, so Landschaftsarchitekt Buddatsch. Natürlich gibt es im rückwärtigen Bereich dezente Spielgeräte für kleinere Kinder, aber dank der vielen Schiffchenbänke auch überall Inseln des Rückzuges oder der Kommunikation. „Jeder kann sich seinen Lieblingsplatz suchen“, sagt Buddatsch. Er selbst kennt übrigens auch schon seine eigenen: „In den Nord-Ost-Ecken der Gartenhöfe gibt es die schönste Nachmittags- und Abendsonne“, sagt er. „Da haben die Leute immer schon gerne gesessen“. Immer schon? Das klingt gut.